HELISKIING - MEINE DROGE


Mit dem Heliskiing ist es im Grunde wie mit allen Drogen: Sie machen Dich süchtig, lassen Dich für einen Moment die Welt um dich herum vergessen, sie treiben Dich erst in die Armut, dann zu Verzweiflungstaten – und fesseln Dich oft für den Rest Deines Lebens. 


Es beginnt immer gleich: Die erste Fahrt abseits der Pisten fühlt sich an wie fliegen, Du hörst den Wind in den Ohren rauschen, spürst das Adrenalin in den Adern, hältst vor Aufregung den Atem an und denkst: Besser geht’s nicht. Bis Du das erste mal vom Heliskiing hörst. Es ist gefährlich, vierlerorts verboten und exklusiv, kaum jemand den Du kennst hat es je ausprobiert, es verspricht maximalen Freiheits- und Naturgenuss. Kurzum: Du musst es haben.

In den Columbia Mountains in den Helikopter zu steigen, das erste Mal im verschneiten Nirgendwo unter strahlend blauem Himmel abgesetzt zu werden und noch das letzte Wort des Guides („be aware of the grizzlies“) im Ohr durch metertiefen unberührten Schnee zu rasen, war besser als alles was ich zuvor erlebt hatte. Was anfangs noch die Aufregung des ersten Ausprobierens war, verwandelte sich mit jeder weiteren Abfahrt von neuen Gipfeln in Wagemut und die Lust auf mehr wurde immer größer.

Steil und schnell bergab rasend war das glitzernde Weiß die bunteste Farbe, wurden Wind und Schnee in den Ohren zur schönsten Musik und der Flug ins Tal fühlte sich an wie der schnellste Tanz. Dieses Pulver ließ mich nicht nur im Kopf sondern tatsächlich fliegen und die Ernüchterung am Abend in der urigen Berghütte vor einem Teller heißer Suppe und einem prasselnden Kaminfeuer war nichts anderes, als zappelnde Vorfreude auf den nächsten Tag.

Kurzum, kein Skiurlaub endete je so schmerzhaft wie dieser: Unheilbar abhängig und pleite. Mit Kosten von schnell rund 10.000 Euro für Flüge, Unterkunft und Guide pro Woche ist das Heliskiing ein kostspieliger Süchtigmacher. Aber ich wusste, ich brauchte mehr. Und dann kam sie: Die Verzweiflungstat. Nach wochenlangen Recherchen machte ich einen russischen Anbieter für auffällig bezahlbare Heliskiing-Touren im Kaukasus ausfindig.

In meiner depressiven Entzugsblindheit machte es mich nicht einmal mehr misstrauisch, dass selbst meine bis dahin skibegeisterte russische Freundin, die ich nach vielen erfolglosen Kommunikationsversuchen mit Familie Koslow bat zu vermitteln, nicht nur Schwierigkeiten hatte herauszufinden, ob es vor Ort überhaupt Material zu leihen gibt, sondern sich auch urplötzlich weigerte mitzukommen.

Doch die Vorfreude besiegte jeden Zweifel und nur einen Monat später fand ich mich nach einer abenteuerlichen Autofahrt in einem garantiert TÜV-freien rostigen Toyota vom Flughafen Mineralnyje Wody Richtung Gebirge in der russischen Version einer bescheidenen Berghütte wieder.

Bei minus zehn Grad in einem Ziegenstall unter löchrigen 25 Jahre alten und dementsprechend muffigen Schlafsäcken liegend machte ich Bekanntschaft mit dem einzigen Mitreisenden: Leo, ein Jungunternehmer aus Moskau, der die Reise anstelle eines Junggesellenabschieds von seinen Freunden geschenkt bekommen hatte und immerhin rudimentäres Englisch verstand, versicherte mir, die Kälte sei gleich halb so unangenehm, tränke ich nur genug des Selbstgebrannten, den es zusammen mit einer dicken Scheibe Speck und trockenem Graubrot als Verpflegung gab.

Der einzige der diesen Rat wohl noch ernster genommen hatte als ich war unser Hubschrauber-Pilot, auf dessen Expertise wir am kommenden Tag angewiesen waren. Denn hier war von der akribischen Planung die ich von der der kanadischen Agentur kannte nichts mehr zu spüren. Anstelle von Sicherheitseinweisungen, Probefahrten, ausgiebigen Wetterstudien und Diskussionen der Guides über die sicherste und schönste Abfahrt trat nun die Laune unseres Piloten, der uns nach einem abenteuerlich wackligen Flug über schneebedeckte Baumgipfel und Bergkämme an einem von ihm scheinbar völlig spontan ausgewählten Ort absetzte und dafür umso schneller wieder verschwand.

Erklärende Worte des Guides fielen aus, Leo und ich warfen uns einen letzten fragenden Blick zu, dann stürzten wir uns hinterher: Schneller und immer schneller flogen wir berauscht die Hänge hinab. Vergessen waren die klappernden Rotorblätter des Hubschraubers, die sich erst beim dritten Startversuch zu drehen begannen und der skeptische Blick des schwankenden Piloten während er den Tank bei einer notwendigen Zwischenlandung per Hand befüllte. Die Sucht blieb unbesiegt, ich komme wieder.


Heliskiing ganz ohne Jetlag ist übrigens auch möglich – in Europa kannst Du beispielsweise in Livigno (Italien), Lech / Zürs (Österreich) oder Zermatt (Schweiz) abheben.